Wasserburg Leuchtet 2016

Licht und Sound, Hightech und Emotionen:

Es ist der Vorabend von „Wasserburg Leuchtet“, ein Donnerstag also, als im Dämmerlicht des vergehenden Tages mein Wohnzimmer urplötzlich hell wird, ohne dass ich den Lichtschalter betätigt hätte: Projektionen an der Zimmerdecke, filigrane Formen erscheinen ohne Vorankündigung: so früh, so nah wie in diesem Jahr bahnte sich meine Vorfreude auf das Fest noch nie einen Weg. Ich öffne das Fenster, woraufhin einer der Jungs draußen sofort fragt: „störts, soll ma ausschalten?“ und ich rufe: „Naa, Schmarrn, bitte machts weiter – sehr cool!“

Es ist also noch ein Tag zu überbrücken, bevor es losgeht, aber dennoch gibt es eine schöne virtuelle Brücke: als ich einige Besorgungen am Spätnachmittag des Freitag mache, an schwarzen Boxen vorbei, und einer des Teams sagt: „mir hamma no koan Strom“, lächle ich in mich hinein und denke mir: „gestern hamma scho oan ghabt“.

Schön ist es, wenn das Fest immer präsenter wird, noch vor dem offiziellen Auftakt. Ich schlendere, gemeinsam mit den anderen ersten Besuchern, durch die Gassen, begleitet von fernen Musiktönen: Cantaloop, sehr jazzig und relaxt. Bevor ich allerdings innerlich jetzt schon abhebe, fliegt mir ein sehr kleiner Turnschuh entgegen, als ich in die Herrengasse einbiege und einen roten witzigen überdimensionalen Liegestuhl sehe, auf dem vermeintliche Zwergenkinder hochklettern und mit Begeisterungsschreien auf die Sitzfläche rutschen, beobachtet von lächelnden Zwergenmüttern.

Ich gehe wenige Schritte zu den Puppenspielern von Dundu und wechsle ein paar Sätze mit ihnen: Dundu ist seit dem letztjährigen Besuch an vielen Orten rund um den Globus aufgetreten und kommt nun nach Wasserburg zurück, weil er hier eine völlig andere Umgebung hat als auf den großen Bühnen der Welt. Auch seine Puppenspieler versichern mir, die Hand auf ihr Herz legend, wie besonders die Atmosphäre und wie inspirierend die Kulisse von Wasserburg ist, so dass ihre Kollegen vom letzten Jahr ihnen sozusagen den „Vortritt“ gelassen haben, um es ebenfalls einmal erleben zu können. Was für ein Kompliment für ein Fest, für ein mittelalterliches Städtchen auf einer Halbinsel als Kulisse und Gastgeber. Schön auch, dass die Spieler das Miteinander auch leben, das sie mit ihrem Dundu zu den Menschen tragen, denke ich mir.

Vor dem Museum fällt mein Blick auf eine schlichte Grünpflanze, die von einem puristischen LED Leuchtrahmen wirkungsvoll in Szene gesetzt wird. Sogar Pflanzen leuchten in Wasserburg!

Beim Einbiegen in die Salzsenderzeile werde ich unweigerlich von einem neuen Mini-Spektakel angezogen: „Poi“ wirbelt mir entgegen, LED Bälle, weich, flexibel in Beschaffenheit und Farbe, an elastischen Gummibändern, werden von Kindern im Kreis bewegt, dazwischen Klaus, der mir auf meine Frage freundlich und bereitwillig erklärt, dass das Wort von den Maori kommt, bei denen brennende Bälle von den Männern auf der Jagd, von den Frauen bei der Kontaktaufnahme zu Männern benutzt wurden. Die Softbälle haben nichts von Rummelplatz, kein billiges Blinken, sondern sollen emotional ansprechen, Interesse bewirken, Leidenschaft wecken. Der Erfinder der magischen Poi erklärt mir das alles mit großem Engagement, und als er wieder zu den lachenden, staunenden Kindern zurückgeht, strahlen seine Augen fast so intensiv wie die Poi Bälle.

Während unseres kleinen Gesprächs haben unversehens abstrakte Muster begonnen, sich auf den Fassaden zu drehen; am besten gefallen mir dieses Mal die beige-orange-rot-grünen Schlieren, die sich auf der Frauenkirche gegen den Uhrzeigersinn bewegen wie ein sich hebender Theatervorhang.

Das ist das Stichwort für den Auftritt von Dundu, der jetzt eigentlich bald starten dürfte. Während ich in den opalfarbenen, sich verdunkelnden Himmel blicke, leuchtet ein Licht im Fenster eines moosgrünen Wohnhauses auf: rote Rosen und grüne Ranken auf den Glasscheiben des Erkerfensters, offenbar noch aus dem Jugendstil, beleben die Hausfront und halten sich tapfer und erfolgreich im LED-Umfeld.

Wenige Sekunden später, fast wie geplant und inszeniert, erscheint Dundu an der selben Hausfassade; allerdings vorläufig nur als Projektion, wie ein Prolog zu seinem Auftritt. Schon erklingen exotische Saitenklänge, der echte Dundu richtet sich auf, von schwarzgekleideten fast unsichtbaren Spielern bewegt: er breitet die Arme aus, senkt den Kopf wie zur Begrüßung, sieht sich um und setzt sich in Bewegung.

Dundu ist, wie ich letztes Jahr erfahren habe, der Name der überdimensionalen Figur und steht für „Du und Du“. Dundu wird bewegt von fünf Puppenspielern und verkörpert dreidimensionale Poesie, die bewegen und verändern möchte; das Miteinander lässt den Zuschauer im Moment versinken. Jetzt geht er auf die Kinder im Liegestuhl zu, gibt ihnen die Hand; ich sehe strahlende Kindergesichter, und sogar die hochkonzentrierten Teammitglieder lachen. Dundu geht stumm und freundlich durch das Fest; er hat auch beim zweiten Mal nichts von seinem Zauber eingebüßt; das sieht man an Erwachsenen, die ihm mit Kinderlächeln zusehen, ganz in seinen poetischen Bann gezogen.

Im Hintergrund sehe ich auf dem Glockenturm von St. Jakob, ebenfalls in grünlich-blauen Tönen, Projektionen wie farbiges Leopardenfell auf der von mir seit langem ungeduldig gemusterten Verhüllung des Turms. Ich stolpere fast über einen Vater mit einem Leiterwagen, in dem ein tief schlafendes Kind liegt: die einzige und sehr sympathische Ausnahme in einer fahrzeugfreien Altstadt heute Abend. Mein Blick wird wieder auf Dundu und seine LED Glitzerpunkte gezogen; letztere bilden einen eigenwilligen Kontrast zu den Metallcontainern mit brennendem Holz: Licht ist heute Nacht der Hauptdarsteller, in der Vielfalt von Natur ebenso wie der von menschlicher Kreativität. Jetzt hat der glitzernde Riese, mittlerweile in der Färbergasse angelangt, den Brunnen mit nach oben fließendem Wasser entdeckt, scheint zu staunen, kommuniziert mit den Menschen, berührt deren Hände, betastet Häuserwände, spielt mit dem Scherenschnittschatten von tanzenden Besuchern hinter einer weißen Projektionswand, die die Gasse in eine reale und in eine märchenhafte Hälfte teilt.

Ich lasse ihn und die ihm nachfolgenden Menschen ziehen und entdecke Thomas, den jungen Mann vom Vorjahr, der mit seinem alten Overheadprojektor und einem Öl- und Wassergemisch wunderschöne Muster auf mein Haus wirft. In einem kurzen Gespräch outet er sich darüber hinaus als einer der Jungs von gestern Abend, die so wunderbar meine Wohnzimmerdecke für das Fest vorbereitet haben! Lachend erinnert auch er sich an unsere Begegnung vom Vorjahr und die Szene von gestern, und ich darf wiederum ein paar orange Pulverinseln in die Öl-Wasser-Szenerie setzen. Er hat nicht viel Zeit, weil mittlerweile drei Projektoren seine Aufmerksamkeit fordern, und schon überrascht mich der nächste Eindruck: hinter der Projektionswand tanzen jetzt Kinder, und das wirkt wie eine Installation eines Grafikkünstlers oder modernen Theaterregisseurs. Aus dem Hintergrund tönt Musik der Walkabouts, die mich anzieht, und ich muss lachen: vor der Band mit E-Gitarre und Didgeridoo tanzt ein Mann mit Lederhose und Plastikschlappen: so bunt ist Wasserburg halt auch akustisch!

 Bei Klaus und seinen Poi-Bällen ist mittlerweile die Hölle los: begeistert mit den oszillierenden Bällen spielende Kinder, die der Künstler liebevoll dirigiert und inszeniert. Ein kleiner Bub vor mir trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Fridays are awesome“. Das finde ich allerdings auch, denke ich, als ich weitergehe.

 Der Weg zur Hofstatt gestaltet sich schon richtig schwierig, um durchzukommen. Was mir, dort angelangt, als erstes auffällt wie eine optische Brücke zu den schwungvollen Poi-Leuchtbällen: bunte Kugeln scheinen auf einem der Häuser zu tanzen. Aber jetzt zieht es mich zuvor an den Getränkestand, wo hinter dem Tresen nicht nur ein Glas Rotwein auf mich wartet, sondern auch ein fröhliches „Ah, die Frau Reporterin“ von dem jungen Mann, der wie jedes Jahr mit viel Elan, Schwung und Witz die vielen Gäste aufmerksam versorgt.

Wir versichern uns gegenseitig, dass es uns gut geht und wir uns freuen, uns wieder zu sehen, und schon habe ich ein Glas Rotwein in der Hand und ein Wasser neben meinem Block stehen.

Das war just in time: das Fassadenmapping beginnt. High-Tech Motive, das Picasso-Gesicht schiebt sich in die beweglichen 3-D-Spielzeugmotive; Kommunikations- und Speichermedien formen sich zu einem vielfältigen Puzzle. Plötzlich archaische Reptilienfragmente, grafische Elemente wie Pyramiden in einem Waffeleisen bilden den Übergang zu vierbeinigen Weltraumsonden, einem Roboter. Dazwischen die Konturen eines menschlichen Schädels,

„Technology, Singularity“, „Chance, Basic Income“  – das Spannungsfeld unserer Zeit. Am Ende der Animation verbeugt sich, wie stets, die Holzmarionette, Applaus der verebbt.

Mein Freund Dundu ist über den Köpfen der Besucher zu sehen, auf seiner zweiten Runde den Häusern entlang, wie eine Leitfigur, ein Motto für das Fest, ein Aufruf an uns, ein freundliches Miteinander zu leben. Unterlegt wird alles durch die atmosphärischen Sounds von DJ B.Fuse, die so zu diesem Abend gehören wie das Licht.

Da fällt mir ein weiterer junger Mann vom Service Team hinter der Theke auf: sein T-Shirt sagt: „It’s no Illusion. Watch“. Sei es Absicht oder nicht: sehr schön jedenfalls.

Der Rotwein verlangt nach einem Begleiter. Giuseppes Pizzastand ist ja nebenan, und eine nette junge Frau mit warmen Augen zaubert mir aus einem Stück Margherita eine wunderbar knusprige Funghi. Ich bin gerettet. Dennoch hält es mich nicht lange; ich will unbedingt die vermutlich letzte Gelegenheit nutzen, im Freien Kino zu schauen – und das Mitte September und kurzärmlig, barfuß in Turnschuhen. Ich denke kurz an den Wetterbericht, der offenbar Unrecht hatte: der für den Abend prognostizierte Regenfall hat sich sonstwohin verzogen, und ich mag nicht mal ansatzweise darüber nachdenken, weil sich die Tageswärme gerade noch so schön unter der Bewölkung hält. Optimale Voraussetzungen also für eine lange Nacht.

Auf dem Weg zu „Ich bin dann mal weg“, dem Film, den Utopia heute Nacht zeigt, tanzen bunte Bälle durch die Nacht, so perfekt animiert, dass diese Laserprojektion wirkt, als ob die fliegenden Poi-Bälle es bis in den Nachthimmel geschafft hätten. Ich merke, während ich auf das Open Air Kino in der Ledererzeile zugehe, dass erste feine Tropfen niedersprühen. Zu früh gefreut – aber die bescheren mir wenigstens das witzige Bild von unerschütterlichen Wasserburg-Leuchtet-Fans, die von Regenschirmen beschützt in den sommerlichen Liegestühlen sitzen und den Vorspann verfolgen. Ich setze mich dazu und kann mich nur relativ kurz an dem Gefühl und dem Film freuen, denn der Regen wird von Sekunde zu Sekunde stärker. Ein junges Paar neben mir steht auf und sucht, mitsamt den Stühlen, Zuflucht unter einem nahestehenden Baum. Auf meine Frage lachen sie und meinen, sie fühlten sich relativ trocken und laden mich ein, meinen Stuhl daneben zu rücken.

Aber auch hier wird es immer feuchter und ungemütlicher; die Blätter halten den sich verstärkenden Regen nicht mehr ab; die beiden verabschieden sich, und ich gebe nach kurzer Zeit die letzte Bastion gegen den hereinbrechenden Herbst auf und denke mir, wie gut der Filmtitel passt, denn auch ich bin dann mal weg. Aber nur bis auf weiteres, mit wunderbaren aufblitzenden Erinnerungen, Momenten der Mitmenschlichkeit, ästhetischen Farben und Formen, magischen Bildern, faszinierenden Eindrücken, fröhlicher und friedlicher Feierstimmung im Rucksack – auf dem Weg in die dunkle Jahreszeit und dem Wissen, dass mich am Ende des Weges wieder ein Frühling, ein Sommer und anschließend ein neues Wasserburg Leuchtet erwartet. 

Heike Kunath