Wasserburg Leuchtet 2014

Licht und Sound, Hightech und Emotionen:

Wasserburg, die Schöne: seit Tagen lässt sie sich von der Spätsommersonne in weiches Licht tauchen, das die Farben der Häuserfassaden in Pastelltöne verwandelt und die italienische Atmosphäre dieser besonderen Stadt noch mehr zur Geltung bringt; Sonnenstrahlen, die die Menschen noch einmal in südliche Wärme hüllen, ihre Augen zum Lächeln bringen und die mit den immer länger werdenden Schatten der mittelalterlichen quaderförmigen Häuser, mit der Dunkelheit unter den Bögen spielen.
Licht und Schatten bieten ein immer neues Schauspiel im Wechsel der Jahreszeiten in Wasserburg am Inn.
Aber heute schmückt sich die Stadt, die Schöne, wie zu einem großen Sommerabschlussfest; Licht und Schatten werden intensiver: Wasserburg leuchtet heute Nacht!

Früher Abend: noch ist es hell, aber erste Aufbauten, Kabel, Technikkoffer und Scheinwerfer lassen routinierte präzise Planung erahnen. Dennoch spürt man leise Anspannung im Team: funktioniert alles? wird das Wetter halten? Das was den Besuchern wie ein traumhafter Bilderreigen voller Leichtigkeit erscheint, fordert dem Team jedes Mal ein Maximum an Präzision und Vorbereitungsarbeit ab. Ich winke Moritz und Urs zu, den Initiatoren und „Herren des Lichts“, hole mir noch ein letztes Sommereis und freue mich, heimgekehrt, von meinem Fenster aus auf High-Tech-Licht und –Schatten.
Etwas später trete ich zu Beginn des Fests wieder aus dem Haus und lasse mir von Windlichtern und roten Kerzen den Weg weisen. Ganz fein, kaum merklich, setzt Nieselregen ein. Nicht angenehm auf der Haut, denke ich mir - aber wunderschön für die Augen. Im Licht der Scheinwerfer verwandelt er sich in zartes Glitzern, schwereloses Funkeln, leichtes metallisches Schweben. Sternenstaub. 

Um das Häusereck gebogen, finde ich mich plötzlich in Menschengruppen wieder und ein Ruf dringt an mein Ohr: „schau, da fliagt a Brezen davo!“. Ich folge dem Blick, dem ausgestreckten Arm, der auf eine Lichtschiene weist. Am Ende des Strahls schwebt ein weißes Gebilde durch die Nacht, zwei Schleifen erinnern tatsächlich an das bayerische Traditionsgebäck, bis sich die schwebende Schaumform dreht und das Logo eines der Hauptsponsoren erkennbar wird.

Nach ein paar Schritten staune ich wieder: auf der Steinfassade des altehrwürdigen Rathauses bewegen sich computergesteuert Fische: „living surface“ sorgt nicht nur für eine erstaunliche Optik – faszinierend die Technik, die dafür sorgt, dass die Fische auf die Bewegungen der davorstehenden Menschen reagieren. Zwei Jungs können es kaum fassen und versuchen die Fische zu immer extremeren Kurven zu bewegen. Leider hat das Wassermotiv einen nicht zu übersehenden Realitätsbezug: erste richtige Tropfen fallen, ein denkbar schlechter Start für eines der schönsten, wenn nicht das schönste Fest des Wasserburger Jahreskreises.

Ich suche Schutz unter den Bögen, die früher den Handel der Wasserburger Bürger mit den Welschen und Osterreichern beherbergt haben: die Wasserburger lassen sich auch jetzt nicht beeindrucken, nicht aus der Ruhe bringen und nutzen die Arkaden, indem sie in Scharen, dichtgedrängt, vor dem „V“ sitzen, Eis essen, lachen, ratschen und warten, bis die nasse Zwangspause vorübergeht. Unter den Bögen geht es weiter bis vors Brucktor: auf das trutzige, unbesiegte, auf Eichenpfählen ruhende Eingangstor in die Stadt  fällt eine Projektion von Sternen, wie ein gewollter optischer Effekt wirkt dazu das Aufflackern des aus Westen näher kommenden Gewitters.

Ich bleibe dennoch etwas vor dem Tor, bewundere ein türkisfarbenes Labyrinth und staune über die Jahresringe eines Baumes in Regenbogenfarben. Links blitzt Helligkeit auf: das war kein Teil des Festes, sondern ein Wetterleuchten, das allein vom Namen her schon treffend zum Namen des heutigen Abends passt.

Schutz suchend im Brucktor, in der Altstadt zurück, muss ich schmunzeln, als ich sehe, dass eine der gusseisernen historisch nachempfundenen Straßenlaternen eine kleine Haube aus weißem Stoff bekommen hat. Mein Blick wird auf einen gelben Regenschirm gelenkt, den ein mir entgegenkommender Mann trägt: auf der Kunststoffoberfläche formen sich Reflexe der Laserstrahlen über unseren Köpfen: fast so, als ob der Schirm Teil einer Installation wäre. Mittlerweile hat sich auch der feine Sprühregen in einen Wolkenbruch verwandelt.

Als ich ins Museum flüchte, stelle ich fest, dass ich nicht als einzige diese Idee hatte: Menschengruppen sorgen in dieser Nacht für rapide ansteigende Besucherzahlen im Heimathaus. Zwei Buben schwenken drohend Lichtschwerter und fragen nach dem Standort der Kanone. Wir lächeln und sehen den wild entschlossenen Mini-Kriegern hinterher. Als ich das Haus verlasse, werde ich von einem Passanten angesprochen, der mir anbietet, meinen wasserabweisenden Friesennerz abzukaufen.

Ich bin noch damit beschäftigt, ihm zu versichern, wie unbezahlbar dieser Klassiker vor allem an Tagen wie diesen ist, als Schreien und Lachen an mein Ohr dringen. Ich frage mich, wer hier so überschäumend gute Laune hat in dieser Sintflut und muss dieses Mal herzlich lachen: eine Hüpfburg, die direkt vor den Bögen des Museums steht, hat die Form eines Leuchtturms, der von einer Art Wassergraben umgeben ist. Und realistisch genug befindet sich auch einiges an Regenwasser in diesem Graben. Was dem Ganzen erst wirklich Situationskomik verleiht: einer der Siebenjährigen, die begeistert hüpfen, trägt ein schwarzes T-Shirt, das - völlig durchnässt -  wie ein Taucheranzug wirkt.

Mein Weg führt mich weiter in die Schustergasse, wo ich wieder Wasserburg Leuchtet at its best erlebe: mitten in der Gasse sind Liegestühle aufgebaut, man sitzt in einer Mischung aus Open Air Kino und Strandbar inmitten von Schaufenstern der Altstadt und kann eine Diashow der Fotogruppe Wasserburg bewundern: schöne Momentaufnahmen von der Stadt in der Sonne und von früheren Festen, ein Hauch von Idee, wie es heute sein könnte, wenn nicht der Dauerregen niederginge. Mittlerweile tröste ich mich mit dem Gedanken, dass auf einem Foto perlende Wassertropfen zu sehen sind, inmitten von echten Regentropfen: abstrakte Fotokunst, auf die Form als solches reduziert. Realität und Kunst verschwimmend, grenzauflösend.

Ich stehe ungern wieder von dem Liegestuhl auf, aber es zieht mich in die Ledererzeile, wo eine schöne Überraschung auf mich wartet: zu den im Sommer neu aufgestellten Riesen- töpfen für Palmen und Oliven, die Wasserburg noch südlicher, noch italienischer machen, gesellen sich - aber nur heute Abend - Blumen, die giftgrün, orange und pink fluoreszieren und die Ledererzeile unwirklich erscheinen lassen. Wenigstens können diese Pflanzen nicht zu viel gegossen werden, denke ich für mich.

Natürlich muss ich auch unbedingt das Videomapping sehen, das wieder eine Fassaden an der Hofstatt vermeintlich aufbrechen lässt und zu sphärischer Musik komplizierte Formen entstehen, sich verändern und immer neue 3-D-Effekte entstehen lässt. Bunte Kugeln springen förmlich die Fassade herunter, täuschend echte Trommeln erscheinen und, was mich zum Lächeln bringt, wieder einer der Momente, in denen Fiktion und Realität sich vermischen: ein Vorhang senkt sich über die Front, während ein Hausbewohner das Fenster schließt und damit Teil der Show wird.

Mein Blick wandert an der Hofstatt entlang: das Eckhaus zur Nagelschmidgasse bekommt gerade ein Muster aus dunkelbraunen und Cremetönen – wie passend zu der heißen Schokolade, die man dort trinken kann, und wie passend auch das Nasenschild mit dem Löwen, der sich nicht nur farblich, sondern auch in der Form perfekt in die Farblinien einfügt. 

Auf dem Weg zur Frauengasse sehe ich, wie der Wind Blätter unter die Bögen treibt. Auch wenn es jetzt empfindlich kalt wird und ich die Hände fröstelnd in die Taschen stecke, denke ich, wie jedes Mal anders, besonders, unverwechselbar dieses Fest doch ist. Die Feuershow zwischen Rathaus und Kirche hat bereits begonnen: zwei Frauen tanzen mit brennenden Bändern und Seilen, formen Muster, ein Feuer-Hula-Hoop, dann wie ein brennendes Angebot zum Seilspringen – faszinierend und mitreißend. Von den Seilen, an denen die Flammen entlangwandern, sprühen Funken, die sich in meiner Erinnerung mit den funkelnden Wassertropfen vom Anfang des Abends verbinden.

Der Regen hat aufgehört, die Gassen füllen sich wieder; die Menschen, die Schutz vor dem Wetter gesucht haben, stehen entspannt umher, unterhalten sich, lachen. Eine junge Frau steht neben ihren Freundinnen; eine Leuchtschrift läuft über ihre Hüften: „Wasserburg leuchtet“. Ein Gespräch mit ihr ergibt, dass es ein besonderer Gürtel ist, den man mit einem beliebigen Text programmieren kann. So nahe kommt dieses besondere Fest den Menschen! 

Nach einigen entspannten Runden und einem Glas Rotwein zum Schluss, lenke ich meine Schritte nach Hause – aber auch hier gibt es noch ein schönes Finale: am Eck zwischen Färbergasse und Schustergasse steht ein Brunnen, aus dessen Abdeckung Wasserfäden nach unten laufen, sich in Tropfen verwandeln, die vermeintlich stehen bleiben, bis sich dann, so meint man, die Laufrichtung ändert und das Wasser nach oben fließt. Ungläubiges Staunen auf den Gesichtern der Menschen außenherum, Kinderlachen, vorsichtiges Hinein-fassen, Verblüffung und Lächeln bei jedem der Umstehenden. Wieder einer der magischen Momente, die „Wasserburg Leuchtet“ ausmachen, denke ich mir, als ich zuhause angekommen bin und wie zum Ende einer Bühnenperformance meine Vorhänge zu den letzten dunkelroten Lichtstrahlen draußen schließe.

 

Heike Kunath