Wasserburg Leuchtet 2012

Licht und Sound, Hightech und Emotionen:

Eine warme Spätsommersonne schickt weiches Licht in die schmalen Gassen, zwischen die quaderförmigen Häuser Wasserburgs. Es wird aufgebaut, fieberhaft gearbeitet, gelacht, geprobt, gerufen und vorbereitet für das wohl schönste Fest des Jahres, das beginnt, wenn die Dämmerung  sich auf die Altstadt legt: „Wasserburg leuchtet!“.

Erste kleine Überraschungsmomente begrüßen mich, als ich den Festbereich betrete: ein Auto wird in Klarsichtfolie eingepackt und mit phantastischen Mustern bemalt; und während die letzten Sonnenstrahlen noch die obersten Stockwerke der Häuserfassaden streifen und ein Wolkenband am Himmel wie ein Hologramm in zartrosa und  hellgrau schillert, glitzert davor schon ein Metallicbaum in gold, weiß und silber. Pastelltöne sind der Auftakt für dieses Fest der Farben.

Die Neonmuster, mit denen sich die Kinder schminken lassen, passen perfekt zu den giftgrünen Ranken, die von zwei Magnolien hängen. Dazwischen baumeln Plastikmenschen, Seifenblasen steigen aus dem Kinderdschungel. Immer mehr Menschen strömen in die Altstadt: Soundcheck beendet, die Musik beginnt zu pulsieren. Es wird dunkel, das Fest startet durch.

Auf die Längsseite eines Vans wird eine Fahrt durch Wasserburg projiziert; ich stehe vor diesem „Wasserburg in Wasserburg“ und lasse es zu, dass Realität und Farben verschwimmen; selbst meine Schattensilhouette neben dem Kotflügel wird förmlich Teil einer Installation.

Ein kleiner Stand vor einem Spielzeugladen verkauft leuchtende Plastikaccessoires, und mit einem orangen Armband ausgestattet – das muss einfach sein! - , bewege ich mich weiter  in die Menschenmenge an der Hofstatt. In mehreren Sprachen werden die Besucher von „Wass Wass Wasserburg“ begrüßt, DJ B Fuse, hochkonzentriert, vor einem sich bewegenden Bilderpanorama, legt los.

Und dann die Überraschung: das Picasso-Gesicht vom Brucktor, das Erkennungsbild von Wasserburg Leuchtet, der Poster-Mann, lebt! Er spricht als Animation von einer farbigen Fassade zu den Besuchern – wow! Doch es kommt noch besser: Fensterläden öffnen und schließen sich; täuschend echte Blasen fallen aus virtuellen Mauerlücken, Luftballons steigen auf, ein Zug fährt vorbei; der Dampf ist fast zu spüren. Das Fassaden-Mapping, mit chilligem Sound hinterlegt, sind gigantisch. Kaum mehr jemand denkt an Essen, Trinken oder ein Gespräch – rundum nur staunende Gesichter so wie meins, offene Münder wie meiner, ungläubiges Staunen – außer meinem wow fällt mir im Moment nur ein, dass wir alle aussehen müssen wie Kinder unter ihrem ersten Feuerwerk. Ist es zu früh, frage ich mich, jetzt schon zu sagen, dass die Kreativos von „Wasserburg Leuchtet“ sich selbst übertroffen haben? Erst als Farbfontänen explodieren, fällt mir das passende Wort dafür ein: präzises, perfektes und phantastisches Eröffnungsfeuerwerk der Farben und Formen! Ich bin nicht allein mit meinem Gefühl: der nette Barkeeper am Tresen übersieht fast einen Gast und entschuldigt sich mit einem lächelnden „…ich bin nur grad von den Farben so….. „ – ja, das bin ich auch, er spricht mir aus dem Herzen und schöner kann man diesen Moment gar nicht ausdrücken. Am Ende der Show brandet Applaus auf, Begeisterungsrufe klingen nach: ein großer Moment für Besucher und Team.

Zwei schwarze Silhouetten auf dem Blechdach der Hofstatt wirken wie animierte Scherenschnitte, - ich kann nicht erkennen, wer es ist, aber ich schicke ein stummes Dankeschön nach oben für die Regenbogenfarben, die sie auf den Häusern der Hofstatt spielen lassen. Der Rotwein in meinem Glas harmoniert mit der Front des Roten Turms, der zusätzlich dunkelrot angestrahlt  wird; das Kontrast-programm folgt unmittelbar in der Ledererzeile, wo Plastik-Gießkannen in Neonfarben fröhlich von giftgrünen Bäumen baumeln.

Das Kino Utopia fesselt ganze Horden von Kindern mit einem Open Air Trickfilm; es wird spürbar kalt, aber das stört weder die Kinder noch ihre Eltern auf Bierbänken im Kino unterm Nachthimmel, weil niemand auf solch ein Erlebnis verzichten möchte.

Die nächsten Lichtfunken, die mich am Eingang der Färbergasse empfangen, sind nicht virtuell: ein kleines Lagerfeuer, um das sich Menschen bei ruhiger Musik gruppieren und einfach so in die Flammen schauen – ein gelungener Gegenpol zu all den High Tech Farbspielen ringsum. Neugierig folge ich den Blicken einiger Besucher: selbst auf dem Dach der Burg bewegt es sich: ein archaisches „Telespiel“, Großvater der Videogames, läuft auf dem alten Gemäuer und erweckt Erinnerungen an die 80iger. Weiße Stoffkuben fangen den Blick, Menschen scheinen sich darin zu befinden, einen Ausweg zu suchen oder sich vor der Außenwelt verstecken zu wollen – täuschend und irritierend, ein Projekt von Künstlern, die noch zur Schule gehen, deshalb nicht minder beeindruckend, im Gegenteil. Ich drehe mich um und tauche in der Färbergasse nicht nur in eine neue Menschenmenge, sondern auch in eine Laserformation in allen Regenbogenfarben, mit Wolkenmustern und geometrischen Formen, deren Strahlen Ballett zu einer monumentalen, fast dramatischen Musik tanzen. Mein Herz klopft, als ich in einem der Häuser die Treppe hinaufgehe und von meinem Wohnzimmerfenster aus beobachten kann, wie die Strahlen auf den Köpfen der Menschen tanzen, Gruppen betonen, wieder zerteilen, bis ein Mädchen in einem sich bildenden Kreis von Zuschauern beginnt, selbstvergessen in und mit den Lasern zu tanzen. Als die Laser und die Musik enden und der Nebel sich legt, ertönen wieder Applaus und Jubelrufe beim Schlussakkord!

Endlich reiße ich mich los und gehe vors Brucktor: Raubkatzenaugen lauern mich an; kurz darauf hanteln sich Schimpansen vor dschungelgrünem Hintergrund an Lianen entlang. Mein Lieblingsmotiv sind gelbe, rote und orange ineinander verschlungene Linien, die sich um die Fenster des Imaginären Museums ranken. Die Fenster sind beleuchtet, und Menschen bewegen sich vor ebenso bunten Bildern im Museum: Kunst in der Kunst – was für ein Bild!

Es zieht mich zurück zur Hofstatt, wo rot gerade wieder die bestimmende Farbe ist: rot der Scheinwerfer, vor dem sich das Profil von Urs Hasler abzeichnet, neben Moritz Hasselt einer der beiden „Masters of Light“, rot die „Fliegen“pilze mit Flügeln, die auf sein kurzes Kopfnicken hin als Projektion erscheinen, rot die Farbapplikationen im Gesicht des kleinen Mädchens, das neben mir steht und mir stolz und glücklich alle Muster erklärt. Das sind die kleinen Momente, die zusammen mit den großen Gänsehaut-Eindrücken Wasserburg Leuchtet so besonders machen.

Lächelnd drehe ich mich um, gerade rechtzeitig, um einer neuen 3 D-Show zuzusehen, an deren Ende, nach Eiffelturm, Jesus-Statue, ägyptischen Gottheiten und Trompe-l’oeil Grafiken die Fassade komplett abzubröckeln scheint und dahinter ein kompliziertes Räderwerk, wie im Inneren einer Uhr, zum Vorschein kommt. Ein kleiner Junge auf den Schultern seines Vaters sieht gebannt zu, und sein Blick ist genauso konzentriert, fokussiert, wie der des älteren grauhaarigen Herrn neben mir.

So funktioniert Wasserburg Leuchtet, denke ich beim Nachhause gehen: ein gut koordiniertes, reibungslos arbeitendes technisches Räderwerk hinter den mittelalterlichen Kulissen – und davor staunende Kinder und Erwachsene mit Kinderaugen.

Die Musik verklingt langsam, die Lichter gehen aus; mit Bedauern gehe ich durch die Gruppen der letzten Besucher, schaue zu, wie das Fest verebbt, möchte am liebsten alles festhalten und nochmal von vorne anfangen. Aber ich tröste mich damit, dass es jedes Jahr wieder neu, wieder anders ist und dass ich mich auf das nächste Mal freuen kann. Bis dahin werden die Eindrücke noch lange in mir nachschwingen und die Musik nachhallen – so wie die Erinnerung an Lächeln, an Augen, an Begegnungen, an kleine Momente und eine ganz besondere Nacht, die in den Herbst hinein strahlt, an ein leuchtendes Wasserburg.

 Heike Kunath