Wasserburg Leuchtet 2010

Licht und Sound, Hightech und Emotionen:

Lichtstrahlen tasten sich in eine der ersten dunklen Herbstnächte, ein Theatervorhang aus rotem Samt scheint sich vor dem Brucktor zu heben und ein Gesicht, das von Picasso stammen könnte, öffnet den Mund, um die Besucher einzulassen: so beginnt eines der Highlights des Wasserburger Jahres, das außergewöhnlichste und emotionalste allemal.

Vor einigen Jahren als Privatinitiative einzelner Wasserburger Geschäftsleute unter der Federführung von Moritz Hasselt und Urs Hasler initiiert, hat sich Wasserburg Leuchtet zu einem Publikumsmagneten in der näheren Umgebung etabliert und ist mittlerweile auch im weiten Umkreis bekannt. Alt und Jung strömen in die Stadt, die durch ihre Geschichte und Architektur ein einzigartiges Umfeld für technische Innovation, optische Spielerei und perfekt dazu abgestimmten Sound bietet. Dieser besondere Mix zieht an und fasziniert.

Also lassen wir uns in die Stadt hineinziehen. Spannung ist deutlich zu spüren, die erwartungsfrohe der Besucher, aber auch die nervöse der Veranstalter und Mitwirkenden. Erste Beleuchtungsproben schimmern wie hinter dünner Gaze an den Fassaden und man erahnt das, was später in ungebremster Farb- und Formvielfalt erstrahlen wird. Verführerische Essensdüfte ziehen durch die Gassen:
Das kulinarische Angebot steht bereits: von bayerischer Brotzeit über türkischen Imbiss bis zur klassischen Pizzaschnitte, von Saft über Wein bis Bier ist alles geboten, was das Herz begehrt. Dazu kommt die gastronomische Vielfalt der Wasserburger Lokale, bunt wie das Fest. Eine Stärkung tut gut, denn in den nächsten Stunden kann es durchaus sein, dass die intensiven Eindrücke Hunger und Durst vorübergehend verdrängen – so manch einer stand schon mit Kinderaugen unter einem regenbogenfarbenen Baum und vergaß Raum und Zeit.

In Farben und Gerüche mischen sich erste Klänge: Factory of Goodness macht Laune zum Start; Jugend und Fröhlichkeit, Energie und Power reißen mit. Bei einbrechender Dämmerung zeichnen sich schwefelfarbene Waben auf dem Kopfsteinpflaster ab, und vor mir steht ein kleines Kind, das seine Mutter am Ärmel zupft und mit offenem Mund auf die ersten grünen Lasergitter deutet. Der Rote Turm, purpurfarben bestrahlt, scheint Feuer gefangen zu haben. Kann man Rot eigentlich steigern?

Während ich mich umschaue, entdecke ich Moritz und Urs, die „Herren des Lichts“, auf dem Wellblechdach an der Hofstatt. 20 Uhr, Startansage: Walzerklänge füllen den Platz, ein junges Paar tanzt inmitten der Menschenmenge. Den schrägsten Kontrast zu Mozart bildet die silberne Discokugel aus den 80er Jahren über dem Kopf des hochkonzentrierten, kopfhörerbewehrten DJ B. Fuse, der mir eine Sekunde lang zulächelt. Der „Master of Sound“ spielt geniale, sphärische Klänge; Turntable-Freak und Saxophonspieler verständigen sich wortlos mit einem Blick und unterlegen die Projektionen mit Klangkaskaden, während ein Pfau sein Gefieder an den Fassaden ausbreitet, schillernd wie der Sound. Als ich mich umdrehe, spiegelt sich die Musik in dem filigranen Ballettpaar und den Musiknoten auf den Häuserfronten; Assoziationen zu Salzburg tauchen auf. Eine Frau neben mir legt ihren Kopf selbstvergessen auf die Schulter des Mannes daneben, und Wasserburg wächst in diesen Momenten über sich selbst hinaus.

Ich biege in die Färbergasse, wo mich bunte Lichterketten empfangen, ein Märchengarten, in dem die Chefinnen der Wasserburg-Leuchtet-Färbergasse in Latzhose und Gummistiefeln ihre Gäste wie immer kreativ, sympathisch verrückt und liebevoll bewirten und über die kitschig-fröhlich-kunterbunten Schrecklichkeiten des deutschen Schrebergartens schmunzeln lassen. Ein Kind (echt) mit Wichtelhaube (echt) beugt sich mit schräggeneigtem Kopf zu einem Gartenzwerg (unecht) hinunter, und es würde mich jetzt nicht mehr wundern, wenn in diesem Moment ein Glühwürmchen auf meiner Nase landete. Ich gehe aus der Färbergasse hinaus, vorbei an einem rauschenden Wasservorhang mit Lichtmuster-Projektionen, den man einfach anfassen muss.

Das Rauschen klingt mir nach, als ich in die Ledererzeile schlendere, von kalifornischen Surfhits magisch angezogen, die Laune machen: Utopia goes Open Air! „Radio Rock Revolution“ bietet Spaßfaktor 100, und die Menschen sitzen lachend auf Gartenstühlen unterm Nachthimmel…. welche Stadt kann eine solche Vielfalt bieten!

Aus der Herrengasse klingt chilliger Sound, und die rosa Fresken vom Weißen Rössl scheinen durch die sich drehenden pastellfarbenen Rosettenmuster wie in 3 D animiert. Ein Trompe-l’œil-Effekt zum zweimal Hinsehen!

„I wanna go home“ singt eine Lady mit Cowboyhut aus dem Kopierhaus heraus – man nimmt es ihr nicht ab, und den Gästen erst recht nicht. Ich hole mir eine Kugel Eis in die Hand; ein paar Worte Italienisch klingen mir nach, während eine ältere Dame mit Stock in den graphitfarbenen Himmel hinauf staunt und eine knallrote Punklady lacht und temperamentvoll erzählt. Gesichter begegnen mir und vor allen Dingen immer wieder: Augen!

Während die Stones von irgendwoher singen: „Let’s spend the night together“, denke ich mir: ja, mit all diesen Menschen möchte ich diese leuchtende Nacht verbringen, und nur gehen, schauen, hören, fühlen. Als ich weiter ziellos durch die Gassen von Wasserburg gehe, sammle ich noch letzte Impressionen: lächelnde Gesichter an lang aneinandergereihten Tischen über flackerndem Kerzenlicht, dreidimensionale Marmoradern, türkis und violett, vor schwarzem Himmel, Spinnwebnetze wie gigantische Fingerabdrücke an einer Hausfassade, und mir wird bewusst: nicht die Glocken von St. Jakob, sondern die pulsierenden Laserstrahlen sind der Herzschlag der Stadt heute Abend.

Als dann später die letzten Lichter verlöschen, bleibt die Gewissheit bis zum nächsten September: in Wasserburg sind nicht nur die Häuserfronten bunt!

 

                                                                                                                      Heike Kunath